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Das mit der Aufmerksamkeit anderen gegenüber ist so eine Sache. Besonders heute. Jetzt im Zeitalter des andauernden Wandels und des permanenten Zeitdrucks. Wie schnell hören wir nur das, was wir hören wollen. Wenn wir überhaupt noch etwas hören. Ertappen wir uns nicht zunehmend dabei, die Redezeit des Gegenübers als unvermeidliche Sendepause zu betrachten? Denn es gibt ja viel zu sagen, dafür aber nur wenig Zeit. Also bitte. Wann sollen wir noch wem zuhören? Und warum? Vor allem aber wie?

Das sind gute Fragen. Besonders die letzte. Denn richtiges Zuhören spart Zeit. Soviel ist sicher. In unserer Arbeit als Transformationsbegleiter stellen wir nämlich immer wieder fest, wie wichtig richtiges Zuhören ist, sich auf das Gesagte ungebremst einlassen zu können, um zu verstehen und um selbst verstanden zu werden. Um Missverständnisse, Fehlinterpretationen und destruktive Konflikte zu vermeiden. Und letztlich, um leichter und schneller in die kreative Kollaboration zu gelangen.

Aus unserer Sicht ist hinreichende Aufmerksamkeit in der Verständigung eine Grundbedingung für Innovation und Transformation. Daher widmen wir heute diesen Blog der Frage: Wie können wir wieder richtig zuhören?

Vier Grundarten des Zuhörens
Wir alle kennen die Qualität „guter“ Gespräche. Es fällt uns leicht, rückblickend ein Gespräch als angenehm, gut oder gar wertvoll zu bezeichnen. Schwerer fällt es uns indes, ein solches ganz bewusst zu erzeugen. Um also wertvolle Gespräche nicht länger dem Zufall zu überlassen, werden wir uns zunächst der eigenen Aufmerksamkeit bewusst. Zur Erleichterung lassen sich vier typische Grundarten des Zuhörens unterscheiden, in die wir selber unsere Aufmerksamkeitsgewohnheiten leicht einordnen können.

  1. Das abladende Zuhören
    Die erste Grundart des Zuhörens stellt genaugenommen noch gar kein Zuhören da. Denn egal was gesagt wird, alles bestätigt nur das bereits Bekannte. Im Modus des Abladens hören wir also nur das, was unseren gewohnheitsmäßigen Urteilen entspricht. Ein solches Gespräch verharrt in alten Mustern unserer Vergangenheit. Wir würden es sicher nicht als wertvoll bezeichnen, allenfalls als neutral. Eher aber als langweilig, als Zeitverschwendung.

    Unsere innere Verfassung, aus der wir hier „zuhören“, ist geschlossen. Wir erfrieren in einer Art zugangsfreie Anwesenheit. Unbeteiligt, passiv und abwartend.

  2. Das abgleichende Zuhören
    In der zweiten Grundart des Zuhörens, befinden wir uns zwar immer noch bei den eigenen gewohnheitsmäßigen Urteilen, doch hier hat das Zuzuhören nun begonnen. Denn anstatt die Unterschiede des Gesprächspartners zu leugnen, hören wir sie jetzt. Im Modus des Abgleichens fokussieren wir uns sogar ausschließlich darauf, was anders ist, was abweicht von unserer bestehenden Vorstellung. Ein solches Gespräch entspricht einem Diskurs.

    Unsere innere Verfassung, aus der wir hier zuhören, ist objektiv. Im Fokus liegt der Gesprächsgegenstand und was dazu gesagt wird. Beobachtend, analytisch und aufmerksam.

  3. Das empathische Zuhören
    Im Zentrum unseres empathischen Zuhörens steht nun nicht länger mehr unsere eigene Wahrheitskonstruktion. Stattdessen fokussieren wir uns auf den Gesprächspartner und seine Perspektive, aus der heraus er erzählt. Wir hören nicht nur was gesagt wird, sondern auch, was nicht gesagt wird. In der Regel erspüren wir, was der Gesprächspartner sagen möchte, bevor er die entsprechenden Wörter gewählt hat. Wir erleben eine Verbindung. Die Grenze zwischen dir und mir verschwindet. Ein solches Gespräch würden wir als tiefgreifend empfinden, als bewegend, vermutlich sogar als wahrhaftig, bestimmt aber als wertvoll.

    Unsere innere Verfassung, aus der wir hier zuhören, entspricht für die Dauer des Gesprächs der des Gesprächspartners. Wir sind mitfühlend, präsent und aufmerksam.

  4. Das schöpferische Zuhören
    Die vierte und letzte Grundart des Zuhörens stellt eine noch tiefere Verschmelzung dar. Unsere Position im schöpferischen Zuhören liegt weder bei uns selber, noch bei unserem Gesprächspartner. Stattdessen beginnen wir an der Bildung eines neuen Innenraums teilzunehmen, aus dem heraus wir wahrnehmen. Ein Raum ohne Absicht, Willen oder Angst. Ein Raum, in dem unsere höchste Zukunftsmöglichkeit gewahr und unser (altes) Selbst losgelassen werden kann. Wenn wir merken, dass wir am Ende eines solchen Gesprächs nicht mehr die gleiche Person sind, die das Gespräch begonnen hat, dann wissen wir, dass wir aus der vierten Grundart zugehört haben.

    Unsere innere Verfassung ist völlig offen und angstfrei. Wir denken nicht, wir sind. Wir führen kein Gespräch mehr, es führt auch uns nicht mehr, wir sind ganz eins geworden. Wir fühlen uns mit etwas Größerem als mit uns selbst verbunden.


Sicher werden wir unsere Erfahrungen im Laufe unserer persönlichen Biografie mit all den hier beschriebenen Gesprächssituationen gemacht haben. Doch die ersten beiden Grundarten, also das abladende und abgleichende Zuhören, ist in den meisten Organisationen die am häufigsten kultivierte Aufmerksamkeitsgewohnheit.

Um wieder richtig zuzuhören, also in die beiden anderen Grundarten der Aufmerksamkeit zu gelangen, braucht es weniger Verstand, weniger Wille, dafür aber mehr Herz. Beginnen wir also damit, aus dem Herz heraus zuzuhören und mit den Ohren zu fühlen. Stellen wir uns während eines Gesprächs einfach mal die Frage, ob wir gerade einem Kunden oder Kollegen mit der gleichen Aufmerksamkeit wie z.B. dem besten Freund oder der Schwerster zuhören? Können wir uns gerade auf das Gespräch einlassen oder hindert uns etwas daran. Haben wir Angst? Wovor haben wir Angst?

Üben wir uns auch darin, so viel wie möglich in einem Gespräch wahrzunehmen. Unsere Sinnesorgane können oft mehr als wir abrufen. Neben dem gesprochenen Wort, gibt es den Klang der Stimme. Die Rhythmik des Satzes und des Atems. Die feine Mimik innerhalb der doch eigentlich gewohnten Kontur. Die Gestik des Körpers usw.

Experimentieren wir mit Signalen der Anteilnahme. Gehen wir dann mit, was auch immer geschieht. Lassen wir uns hineinziehen in das Gespräch, ohne den Verstand zu benutzen und ohne eine Absicht zu verfolgen. Werden wir so zum Ermöglicher wertvoller Gespräche.

Das nächste Gespräch ist wieder ein neues Übungsfeld für uns. Werden wir zum Meister der Aufmerksamkeit und ermöglichen wir das schöpferische Potential, wenn Menschen zusammenkommen.


QUELLE:
Die vier Ebenen der Aufmerksamkeit bzw. des Zuhörens haben wir der Theorie-U von C. Otto Scharmer, Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) entnommen. Sie stellen die Basis für seine spannende, aber leider auch sehr komplexe Theorie des Presencing dar. Mehr über das Buch Theorie-U erste Auflage 2011 können unseren Literaturtipps entnommen werden.